Im Januar 2004 haben wir, die Mitglieder des HausundHof e.V., das Vorder- und Hinterhaus der Hospitalstraße 30 in der Görlitzer Innenstadt übernommen. Dem voraus ging ein fast drei Jahre dauernder Diskussions- und Findungsprozess, an dessen Beginn die Idee einiger junger Leute stand, eigene Räume zu bekommen, um diese so weit wie möglich selbstbestimmt zu gestalten. Jede/r von uns hatte und hat den Wunsch, von diesen Räumen aus positiv auf die soziale, politische und kulturelle Situation im Dreiländereck zu wirken. Dabei stehen wir dem Prozess des Zusammenwachsens der Regionen zu Beginn dieses neuen Jahrhunderts aufgeschlossen gegenüber. Er setzt jedoch die freiwillige und freimütige Begegnung von Menschen über die Grenzen hinweg voraus, die wir leider zu selten erleben. Es mangelt sowohl an vielfältigen, anregenden Kulturangeboten als auch an Möglichkeiten der politischen Partizipation und Artikulation, die geeignet sind, Menschen für die Teilhabe am oben genannten Prozess zu befähigen.
Mit unserer Entscheidung, nicht dem Beispiel vieler abwandernder junger Leute zu folgen, sondern hier etwas aufzubauen, verbinden wir unsere persönliche Perspektive mit der Entwicklung der Grenzregion. Die geografische Lage von Görlitz verweist zwangsläufig auf Grenzen, aber auch auf Grenzüberwindung. Letztere liegt uns am Herzen. Grenzen verlaufen nicht nur zwischen Staaten, sondern auch in den Köpfen der hier lebenden Menschen. Wir empfinden sie als Beschränkung, weil sie der Entwicklung von Individuen zu mündigen Persönlichkeiten mit der Fähigkeit zu gleichberechtigtem Austausch im Weg stehen.
Hospi30 ist der Ausgangspunkt, von dem wir auf die beschriebene Situation Einfluss nehmen wollen. Charakteristisch sind dabei zwei Ebenen: Zum Einen die Projekte, die im Haus realisiert werden, zum Anderen die Prinzipien, die bei der Realisierung der Ideen Anwendung finden und das Leben im Haus prägen.
Im Erdgeschoss des Vorderhauses werden wir eine Info-Café einrichten. Es dient als Treffpunkt mit der Möglichkeit zu sozialem Austausch, zur Information über kulturelle und politische Themen und auch zur Einnahme von Speisen und Getränken. Es soll auf nicht kommerzieller Basis betrieben werden und eine kleine Bibliothek sowie eine Auswahl an aktuellen Zeitungen und Zeitschriften enthalten. Vom Info-Café aus können BesucherInnen Ausflüge ins WorldWideWeb unternehmen.
Im Info-Café werden Veranstaltungen und Workshops stattfinden, die entweder von uns selbst organisiert sind oder von Gruppen und Initiativen, die von außen an uns heran treten.
Als Verein wollen wir sowohl Gruppen durch das Bereitstellen von Räumlichkeiten und die Vermittlung von Kontakten zu anderen Gruppen, wenn möglich auch polnischen und tschechischen Gruppen unterstützen, als auch durch eigene Angebote neue kulturelle und politische Akzente setzen.
Die Angebote sollen sich in ihrer Gesamtheit nicht an eine bestimmte Zielgruppe richten. Sicher werden sie vorrangig junge Leute ansprechen, wobei wir den Begriff „jung“ nicht allzu eng sehen. Wir möchten ihnen behilflich sein, wenn sie für die Verwirklichung ihrer Bedürfnisse und Ideen Räumlichkeiten und inhaltliche Begleitung benötigen. Aber wir möchten uns nicht auf Menschen zwischen 15 und 30 beschränken, da wir es als sinnvoll und notwendig erachten, verschiedenen Altersgruppen sozialen Austausch und Zugang zu Informationen zu ermöglichen.
Die Räume im Hinterhaus möchten wir so herrichten, dass sie von Gruppen, Initiativen und Vereinen genutzt werden können, die auf nicht kommerzieller Basis politische, kulturelle und soziale Arbeit leisten. Je nach Art und Umfang der Arbeit sind Räume vorstellbar, die von nur einer Gruppe genutzt werden sowie Räume, die sich verschiedene NutzerInnen teilen. Den finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Gruppen angepasst, werden wir für die Nutzung eine Miete festlegen.
Auch für die Verwaltungsarbeit und Öffentlichkeitsarbeit das gesamte Haus betreffend soll ein Raum genutzt werden.
Die Räume sollen einfach eingerichtet sein und von den Gruppen, die sie regelmäßig nutzen weiter ausgestaltet werden können.Wohnprojekt
In den oberen 4 Etagen des Vorderhauses befinden sich acht Wohneinheiten, die nach unseren Vorstellungen weiterhin diesem Zweck dienen sollen. Zwei Wohnungen sind zum jetzigen Zeitpunkt noch bewohnt, die restlichen werden von uns nach und nach bewohnbar gemacht.
Von unserer Seite besteht keine Absicht die AltmieterInnen zu einem Auszug zu bewegen.
Für die anderen Wohneinheiten suchen wir Menschen, die sowohl bereit sind, sich an den notwendigen Um- und Ausbauarbeiten zu beteiligen als auch alternative Wohnformen auszuprobieren. Wir wünschen uns, daß sich diejenigen, die in das Haus einziehen, aktiv und mit ihren eigenen Ideen bei der Gestaltung des Hauses und der zugehörigen Freiflächen einbringen. Für sie soll das Haus nicht nur eine beliebige Wohnadresse sein, sondern ein weitestgehend selbst gestalteter Ort, mit dem sie sich identifizieren.
Voraussetzung für den Einzug in H 30 ist die Bereitschaft, sich an Auseinandersetzungen konstruktiv zu beteiligen, die das Haus bzw. einzelne NutzerInnen oder BewohnerInnen betreffen. Ebenfalls erwarten wir von den BewohnerInnen, daß sie den Balanceakt zwischen persönlichen Präferenzen auf der einen Seite und übergeordneten Interessen das Gesamtprojekt betreffend auf der anderen Seite bewußt gestalten.
Weiterhin erforderlich ist eine Zustimmung zu den weiter unten formulierten Prinzipien, die für alle Aktivitäten im Haus gelten.
Alle NutzerInnen der Hospitalstraße 30, also BewohnerInnen wie Gruppen, sollen einen positiven Bezug zum Gesamtprojekt entwickeln. Unter ihnen soll es einen Austausch geben, d.h., sie sollen nicht nur neben einander her existieren.Entscheidungen, die das Haus betreffen, sollen von allen getragen werden. Dafür ist eine kollektive Entscheidungsstruktur nötig, die wir in einem regelmäßig statt findenden Plenum gewährleistet sehen. Daran sollen VertreterInnen der WG´s und der Gruppen, die Räume im Haus nutzen, sowie Vereinsmitglieder teilnehmen. Die getroffenen Entscheidungen dürfen nicht im Widerspruch zum Inhalt der Satzung des HausundHof e.V. stehen.
Wenn Entscheidungen die Belange von Menschen im unmittelbaren Umfeld des Hauses berühren, so müssen diese bekannt gemacht werden. Bei größeren Vorhaben (baulichen Veränderungen, Festen u.a.) soll für AnwohnerInnen zuvor die Möglichkeit bestehen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Das Plenum kann bei Bedarf auch eine Person aus seiner Mitte benennen, die als AnsprechpartnerIn für AnwohnerInnen, interessierte Einzelpersonen, JournalistInnen u.a. fungiert.
Jegliches Engagement im Haus geschieht auf freiwilliger Basis.
Meinungsverschiedenheiten zwischen NutzerInnen des Hauses sollen diese zuerst unter sich klären. Gibt es keine befriedigende Lösung, muss im Plenum danach gesucht werden. Im Falle von Streitigkeiten, die im Plenum nicht beigelegt werden können, sollen die Konfliktparteien VermittlerInnen/SchlichterInnen benennen, die sich um eine Beilegung bemühen. Im Falle von besonderen Vorkommnissen, z.B. sexuelle Übergriffe, ist auf Wunsch des Opfers nicht das Plenum zuständig, sondern die Auseinandersetzung wird über Vertrauenspersonen geführt. Die Sichtweise des Opfers steht bei der weiteren Verfahrensweise im Vordergrund.Verstoßen Personen oder Gruppen in grober Weise gegen die unten genannten Prinzipien, so kann das als ultima ratio den Verlust jeglichen Nutzungsrechts des Hauses bedeuten. Vor diesem Schritt muss jedoch eine gründliche Diskussion mit allen Beteiligten erfolgen.
Für die Umsetzung unserer Projektideen haben wir uns auf folgende Prinzipien geeinigt.
antiautoritär, nicht hierarchisch Der Umgang der am Hausprojekt Beteiligten soll durch Gleichberechtigung und Respekt gekennzeichnet sein. Der Zugang zu allen relevanten Informationen muss für alle gewährleistet sein.
unabhängig Auch wenn wir die Kooperation mit verschiedenen Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen anstreben, beanspruchen wir in den wesentlichen Entscheidungen und Abläufen Unabhängigkeit. Das beinhaltet auch die Abwehr einer Einflussnahme von Parteien und religiösen Gruppierungen.
basisdemokratisch Wir begreifen uns als freie Assoziation von Individuen, die an der Basis wirken wollen und sich zu diesem Zweck demokratisch organisieren. Eine Einbindung in Institutionen, die ein anderes Demokratieverständnis oder starre Strukturen haben, lehnen wir ab.
gesellschaftskritisch Gesellschaft ist immer im Wandel und wir wollen uns in diesen Prozess mit unseren Vorstellungen einbringen. Dabei erachten wir kritische Positionierungen und Kritikfähigkeit als wesentlich.
antirassistisch, antifaschistisch, nicht sexistisch Der engagierten Auseinandersetzung mit menschenverachtenden Ideologien bzw. deren Versatzstücken messen wir große Bedeutung bei. Unser Haus soll stets ein Ort sein, an dem diskriminierende Praktiken keinen Platz haben, wobei wir versuchen wollen, diesem Anspruch auch außerhalb des Hauses gerecht zu werden. Denn der Anspruch ist nicht an einen Raum gebunden, sondern an Individuen.
Toleranz, Vielfalt Eine Vielfalt gibt es nicht nur hinsichtlich der Ideen und Einzelprojekte im Haus. Unser Hausprojekt selbst ist wiederum Teil einer großen Vielfalt von Projekten, Gruppen und Vereinen, die ihrerseits einen Teil der Gesellschaft repräsentieren. Weil uns diese Vielfalt wichtig ist und wir sie stärken wollen, möchten wir einen toleranten Umgang mit einem großen Teil der gesellschaftlichen Akteure pflegen.
Konflikte im Haus friedlich beilegen Wir akzeptieren, dass es immer wieder zu Konflikten im Haus kommen wird. Problematisch sind ja oft nicht die inhaltlichen Kontroversen, sondern ist die Art und Weise wie sie ausgetragen werden. Für uns ist wichtig, dass sich alle Beteiligten stets um eine friedliche Beilegung von Konflikten bemühen.
Görlitz, im Frühjahr 2004 HausundHof e.V.